RICHARD Z. KRUSPE von Rammstein sprach mit uns über seine Zweitband Emigrate

EMIGRATE wurde 2005 von Rammstein-Gitarrist Richard Z. Kruspe in einer längeren Rammstein-Pause gegründet. Daraus entstand in weiterer Folge das erste, selbstbetitelte Debüt Album „Emigrate“, welches am 30. August 2007 erschienen ist. Das erste Album der Band enthält unter anderem Hits wie „New York City“ und „My World“, zu welchen es auch Videos gibt. Am 14. November 2014 erschien nun nach längerer Wartezeit das zweite Album der Band, welches den Namen „Silent So Long“ trägt. Auf dieser Scheibe hat sich Kruspe interessante special guests ins Boot geholt, darunter Motörhead’s Lemmy, Marilyn Manson, Korn-Sänger Jonathan Davis und Frank Dellé von Seeed. Mit dabei auch seine Lebensgefährtin und Mutter seines dritten Kindes, Margaux Bossieux, die auch Bass in der New Yorker All-Girl-Punk-Band Dirty Mary spielt. Mit ihr hat er auch das hinreissende Duett im Song „Happy Times“ gesungen. Richard Z. Kruspe hat alle Songs des neuen Albums geschrieben, bei den Texten kooperierte er mit verschiedenen Leuten, darunter auch Margaux. Kruspe spielte für das neue Album Gitarren und Keyboards, sowie er auch für das Electronic Sequencing verantwortlich zeichnet. Als Drummer holte er sich den von Apocalyptica bekannten Schlagzeuger Mikko Siren, Bass spielte Arnaud Giroux. Nun drängen sich da natürlich eine Menge Fragen auf. Wie kam das alles zustande, warum die langen Pausen, und wie sieht er Emigrate im Verhältnis zu Rammstein? Wir haben Richard Z. Kruspe im Interview genau diese und ein paar andere Fragen gestellt.

X-ACT: Du hast eine sehr interessante und bewegte Geschichte: die erste Gitarren in der Tschechei gekauft, dann die Troubles beim Erwachsenwerden in der DDR, zuerst Ost-Berlin, dann West-Berlin, dann ein Jahrzehnt New York und jetzt wieder Berlin. Dann die musikalische Karriere von ostdeutschen Lokalbands bis hin zu Rammstein. Wie siehst du rückblickend deine Geschichte als Musiker?

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Richard Z. Kruspe: Ich habe ein interessantes Leben bisher gehabt, aufgewachsen in der DDR, hab dort eine wunderschöne Kindheit gehabt, alle waren gleich und alles war gut. Bis ich zwölf wurde und alle haben angefangen, Fragen zu stellen, wo man keine Antworten bekam und als ich zuviel fragte, kamen die Probleme. Dann bin ich irgendwie in den Westen abgehauen, hab dann gemerkt, dass es da auch nicht so bunt ist, wie es im Fernsehen immer aussah. Hab dann später mit Rammstein die Möglichkeit gehabt, in der ganzen Welt zu spielen, bin dann nach New York gezogen, für 11 Jahre und bin jetzt vor 3 Jahren nach Berlin zurückgekommen, auch weil ich entschieden habe, dass Berlin der Platz ist, wo meine Tochter aufwachsen soll. Ich habe mir hier im Moment als Künstler eine Plattform geschaffen, wo ich zwischen zwei Bands extrem gut ausgeglichen bin. Auf der einen Seite habe ich Rammstein, wo ich wunderbare Shows spiele und auf der anderen Seite habe ich Emigrate, wo ich wunderschöne Musik machen kann.

X-ACT: Du hast 2004 bekanntgegeben, dass du Emigrate ins Leben rufen wirst, aber es hat bis 2007 gedauert, bis das Album rauskam und jetzt 7 Jahre, bis der Nachfolger da ist. Warum gab es diese langen Pausen?

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Richard Z. Kruspe: Naja, beim ersten Album war es ja so, dass wir erst unseren Sound finden mussten. Man macht einen Haufen Fehler und man muss gucken, wie das als Band funktioniert und ich war als Sänger ja auch ein Anfänger und ich musste da ja soweit kommen, bis ich wusste, ob ich das auch wirklich selber singen wollte. Dabei gab es viele ups and downs, wie es sie auch im Leben gibt. Dann kam das erste Album raus und das Thema Emigrate war dann erstmal für mich erledigt. Ich bin sofort wieder ins Rammstein-Lager gewechselt, wir haben dann auch ein Album gemacht und ich war dann für fünf Jahre unterwegs mit Rammstein. Und dann wusste ich aber immer, dass ich ein zweites Album machen wollte, wusste aber auch nicht, wohin die Reise geht. Ich hab dann vor zwei Jahren mal angefangen, mir anzuhören, was man immer so schreibt nebenbei und hab dann entschieden: OK, – es ist ein guter Zeitpunkt und hab die Emigrate-Familie angerufen und zusammengetrommelt. Wir haben uns dann die ersten Songideen angehört und begonnen, diese auszuarbeiten. Letztendes ist dann das nun vorliegende Album daraus entstanden.

X-ACT: Wir haben gehört, dass du in Interviews zum aktuellen Album bereits durchblicken hast lassen, dass es noch 2015 das nächste Album von Emigrate geben wird. Was ist da dran?

Richard Z. Kruspe: Genau, – der Grund dafür ist, dass ich 21 Tracks hatte und nicht wusste, wie ich diese 11 Songs auswählen sollte und hab dann eben die Songs genommen, so wie das Album für mich zusammenpasste. Und weil es um die anderen Songs schade gewesen wäre, habe ich mich entschlossen, noch im Jahr 2015 „Silent So Long Part II“ zu machen.

X-ACT: Das neue Album hat sehr viele interessante und vor allem prominente Gastsänger, wobei wir jedoch finden, dass du wesentlich besser singst und deine eigene Stimme deiner Musik wesentlich mehr Identität und Wiedererkennungswert gibt. Das Aufgebot an Stars klingt eher nach Name-Dropping als dass es notwendig gewesen wäre. Wie siehst du das?

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Richard Z. Kruspe: Oh, danke fürs Kompliment. Das war ja auch so ein Punkt, den ich vorher mal angesprochen hab, – wir waren als Emigrate damals ja irgendwie wieder Anfänger, wir mussten ja gucken, wo wir stehen und wir brauchten ja auch sieben Jahre, um diesen mentalen Switch zu finden, dass ich auch damit zurechtkomme, dass ich jetzt auch Sänger bin. Und ich habe in den letzten Jahren ja auch viele Erfahrungen als Sänger gesammelt, deswegen hat es auch viel mehr Spass gemacht, die neuen Songs einzusingen, als wie noch beim ersten Album. Aber: Emigrate war immer als offenes Projekt gedacht und ich wollte genau das Gegenteil von dem machen, was in der Rammstein-Welt passierte. Emigrate war immer eine offene Angelegenheit, eine Gemeinschaft, wo Leute kommen und wieder gehen können. Und unabhängig davon, ob ich als Sänger nun besser geworden bin, möchte ich immer gerne mit anderen Leuten zusammenarbeiten.

X-ACT: Du hast Emigrate auch deswegen ins Leben gerufen, weil du dich als Musiker bzw. Künstler irgendwie beweisen wolltest. Nun ist es so, dass du gerade in deiner eigenen Band als Gitarrist weit mehr in den Vordergrund rücken könntest, als es bei Rammstein möglich ist. Es fehlen bei Emigrate aber die musikalischen Experimente an der Gitarre und auch hinsichtlich Gitarren-Solos ist das neue Album sehr sparsam ausgefallen. Was ist deine Erklärung dafür?

Richard Z. Kruspe: Emigrate ist ja auch eine Band. Ich wollte ja auch kein so typisches Gitarristen-Solo-Album machen. Mich als Gitarrist zu profilieren, war ja auch überhaupt nicht mein Anspruch. Ich bin ja auch nicht wirklich so ein Super-Gitarrist wie Joe Satriani und was weiss ich, wie die alle heissen. Ich bin jemand, der sich mehr für den Songwriting-Prozess interessiert. Es interessiert mich auch nicht, irgendwie schnell und virtuos zu spielen, ich konzentriere mich auch eher mehr auf all die anderen Instrumente, die im Arrangement vorkommen sollen. Für mich ist es wichtig, was der jeweilige Song braucht. Und wenn er ein gutes Riff braucht, dann mach ich das. Aber ich gehe nicht unbedingt von der Gitarre aus und ich muss auch nicht in jedem Song ein Gitarrensolo haben. Ich sehe mich eher mehr als Songschreiber, als Produzent und weniger als Gitarrist. Aber, – ich bin jemand, der soundmässig einen hohen Anspruch an die Gitarre hat und ich hab diesmal für das neue Album sicher jeden Song fünfmal draufgespielt, um diesen Sound hinzubekommen. Also mein Anspruch geht eher in Richtung Sound der Gitarre und nicht in Richtung Virtuosität, denn die hab ich einfach nicht.

X-ACT: Du hast für das neue Album sehr persönliche Songs geschrieben, wie zum Beispiel „Born On My Own“ oder Rainbow, ein Song für deine Tochter. Was war der Grund dafür, solch tiefgründige und persönliche Dinge zum Thema zu machen?

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Richard Z. Kruspe: Wenn man anfängt zu texten, also Sprache zu formen, dann sind da immer persönliche Aspekte mit im Spiel. Man hat das alles ja erlebt. Man bringt eigene Erfahrungen in Worte, insoferne war das für mich ganz natürlich. Und letztlich liegt es auch am Song selber, was der verlangt von dir und das kommt dann immer sehr spontan, also ich muss da gar nicht lange darüber nachdenken.

X-ACT: Mit Lemmy von Motörhead hast du den Song „Rock City“ gemacht. Wir dachten, das wäre dann also der typische Emigrate-Sound mit Lemmy als Sänger und diese Mixtur hätte uns gereizt. Aber als wir dann den Song hörten, war es für uns eher so, als hättest du ihm den Song auf den Leib geschrieben und wir mussten auch im Booklet nachsehen, ob es nicht gar eine Coverversion eines Motörhead-Songs ist…

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Richard Z. Kruspe: Es war genau anders rum. Der Song war ursprünglich mal eine akustische Nummer und ich hab den Jungs im Proberaum den Song vorgespielt, weil ich nicht genau wusste, was ich damit machen sollte und da hat dann der Drummer einfach das Tempo verdoppelt und dann haben wir alle gejammt und rausgekommen ist der Song, so wie er jetzt auch aufgenommen wurde. Und weil es vom Feeling her geradezu nach Lemmy verlangt hat, habe ich ihn kontaktiert und er hat’s dann auch gesungen. Also es war nicht so, dass ich einen Song für Lemmy geschrieben habe, sondern einen Song, zu dem Lemmy letztendes am besten dazupasste.

X-ACT: Unserer Meinung nach ist „Happy Times“ mit Margaux Bossieux der beste Song des Albums. Die Stimmen von euch beiden harmonieren irrsinnig gut und auch die Atmosphäre des Songs und der Stil ist mal was ganz anderes, – also schon sehr weit vom Rammstein-Universum entfernt…

Richard Z. Kruspe: Das ist auch mein persönlicher Favorit. Komischerweise kriegt der Song nie die Anerkennung, die er verdient hätte. Ich mag den auch sehr. Witzigerweise war das ein Song, der ursprünglich in eine ganz andere Richtung ging und ganz am Schluss erst so entstand, wie er jetzt ist.

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X-ACT: Ein Song, der auf alle Fälle in eine ganz andere Richtung geht und am allerwenigsten mit Rammstein direkt verglichen werden könnte. Emigrate wird jetzt immer mehr zur richtigen Band, die Fans werden immer mehr und alle schreien nach mehr, vor allem nach Emigrate-Live-Gigs. Man hört, dass du mit dieser Band nicht live spielen willst… Warum wehrst du dich so dagegen, mit Emigrate live zu spielen?

Richard Z. Kruspe: Na ich wehr mich ja nicht dagegen, aber im Grunde genommen, ist mein Leben derzeit sehr ausgeglichen, ich hab die Möglichkeit mit Rammstein live zu spielen und ich habe Emigrate, mit denen ich ins Studio gehe und Songs schreibe, insoferne ist mein Leben sehr ausgeglichen und ich habe ein bisschen die Angst, wenn ich mit Emigrate auf Tour gehe, dass mein Leben wieder aus seiner Bahn kommt. Insoferne bin ich im Moment zufrieden mit meiner Zeiteinteilung, ich mach ja nicht nur Musik, ich mach auch ganz viele andere Sachen. Also ich wehr mich nicht dagegen, sondern ich bin glücklich mit dem, was ich grade habe.

X-ACT: Aber wenn du von einer Rammstein-Bühne blickst, siehst du ja das Publikum nur mehr als Masse, als Menschen-Meer. Wenn du nun mit Emigrate in kleineren Hallen vor zwei-, dreitausend Leuten spielen würdest, hättest du ja einen ganz anderen Draht zum Publikum mit einer viel intimeren Atmosphäre. Möchtest du diesen Aspekt als Musiker/Künstler nicht miteinbeziehen?

Richard Z. Kruspe: Ne, das hatte ich früher! Das war ja auch mit Rammstein nicht immer so wie jetzt. Ich hab ja früher so etwa acht Jahre auch in anderen Bands gespielt und von daher kenne ich diese Stationen als Musiker ja, ich bin ja durch diesen Prozess gegangen. Es ist ja nicht so, dass ich das nie hatte. Also ich kann nur sagen: im Moment ist mein Leben gut, so wie es ist…

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X-ACT: Siehst du Emigrate eher als Katalysator oder Gegenpol zu Rammstein?

Richard Z. Kruspe: Ich sehe Emigrate als Gegenpol, als Ausgleich für mich. Diese beiden Bands sind abhängig für mein Leben, also beide sind wichtig, ohne eine der beiden könnte ich nicht mehr existieren.

X-ACT: Apropos Rammstein. Gibts diesbezüglich Zukunftspläne?

Richard Z. Kruspe: Wir treffen uns immer wenn wir pausieren einmal im Jahr und schauen, wie es dem einzelnen Individuum geht, sozusagen. Uns ist es wichtig, dass sich jeder wohlfühlt und auch die gleiche Vision hat, was Rammstein betrifft. Wir haben dieses Jahr im März beschlossen, dass wir noch ein Jahr warten. Alle anderen machen ja auch irgendwelche anderen Projekte gerade. Wir warten einfach mal bis nächstes Jahr und dann wirds auch wieder losgehen, – irgendwie. Wir nehmen uns da auch den Druck raus, wir haben ja auch eine Menge erreicht und jeder hat ja auch noch sein eigenes Leben. Wir haben jetzt noch zwei Projekte, im nächsten Jahr kommt die Live-Show vom „Madison Square Garden“ raus und dazu gibts dann auch einen Dokumentarfilm über „Rammstein in Amerika“. Dann kommt noch ein Live-Film raus, über zwei Shows in Paris und vielleicht haben wir dann ja auch wieder mal Lust, ins Studio zu gehen. Oder einfach nur auf Tour… Mal sehen…

X-ACT: Also Songs habt ihr ja genug und Rammstein würde ja auch nicht zwingend ein neues Album brauchen, um wieder Hallen zu füllen oder Festivals zu headlinen…

Richard Z. Kruspe: Genau. Und wenn es keine Vision gibt, ein neues Album zu machen, dann bin ich auch ein Vertreter dafür, dass man nicht unbedingt ins Studio gehen muss. So siehts aus.

X-ACT: Zurück zu Emigrate. Das neue Album ist am Start und du hast ja angekündigt, dass das nächste Album noch 2015 kommt. Dieses Mal sind ja sehr illustre Gäste mit dabei und das wird ja auch vielleicht beim nächsten Album so sein. Kannst du uns schon verraten, wer da mit dabei sein wird?

Richard Z. Kruspe: Also es gibt die Songs und es gibt auch schon Sänger, die sich Songs ausgesucht haben. Ich will aber noch nicht zuviel verraten, weil das Problem ist doch, wenn man das schon hinausposaunt und dann haben diese Leute womöglich keine Zeit und es wird nichts, dann sieht das auch nicht gut aus. Aber wir werden das ja schon bald wissen, denn es dauert ja keine sieben Jahre mehr…

X-ACT: Das neue Album ist ungeheuer gut produziert, fetter und glasklarer Sound! Wie bist du damit zufrieden?

Richard Z. Kruspe: Ich bin sehr zufrieden mit der Produktion, weil ich auch das erste Mal das Gefühl habe, dass ich nicht wirklich was verändern würde. Das ist auch irgendwie ein Zeichen dafür, das wir alles richtig gemacht haben. Und wir haben uns ja auch reichlich Mühe gegeben. Und es ist ja auch so, dass diese Art, ein Album im Studio derart auszureifen, verschwindet, denn die meisten Künstler haben ja auch nicht die Zeit und die finanziellen Mittel, etwas derart auszuarbeiten, gute Aufnahmen zu machen und das Handwerk „Recording“ tritt immer mehr in den Hintergrund. Von daher bin ich eher old school und glücklicherweise habe ich eine Band wie Rammstein, die mir solche Projekte auch finanziert, das muss man auch ganz klar sagen. Ohne Rammstein hätte ich das gar nicht stemmen können.

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X-ACT: Die CD klingt nicht nur super, auch das Artwork ist sehr ansprechend geworden, Wie ist das zustande gekommen?

Richard Z. Kruspe: Im Grunde kam die Idee auch von der Plattenfirma, die schickten ein paar Anregungen und da gab es einen italienischen Künstler, der so Figuren durch Mauern ausbrechen lässt und das hat mich irgendwie inspiriert und ich hatte die Idee, die Mitglieder der Band ebenfalls durch Mauern durchzubrechen lassen.

X-ACT: Danke für das Interview und alles Gute für dein Projekt Emigrate und das neue Album!

Interview by Tom Proll

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