WOODY MELECTRIC – „Yes To The Sun“ (2012), „Endlich daham“ (2015), CD-Reviews

Woody Melectric haben einen Bandnamen, der klingt wie eine neue amerikanische Zeichentrick-Serie, eine superbe Besetzung und eine musikalische Mission. Genau genommen kommen sie aus dem Waldviertel, spielen Musik, die in keine Schublade passt und einfach nur wunderschön klingt!

Allen voran lässt Sonja Schneider ihre filigrane, gefühlvolle, aber auch mystisch elfenhafte Stimme erklingen, die es locker mit Tanita Tikaram oder Sinead O’Connor aufnehmen kann. Nur, damit wir uns richtig verstehen: Sonja Schneider singt derart eigenständig und gut, dass derlei Vergleiche sowieso nur der Vollständigkeit halber aufgezählt sind. Sie spielt auch Keyboards und auch das beherrscht sie meisterhaft. Drummer Marc Bruckner fügt sich nicht nur mit seinen soliden Drums, sondern auch mit lässigen Cajon-Grooves sehr gut ins Bandkonzept. Bassist Wolfgang Frosch kennt man ja bereits seit Jahrzehnten bestens von den legendären Bluespumpm. Keine Frage, Wolfgang Frosch ist einer der profundesten Bassisten Österreichs und spielt einfach alles und das saugut! Bandleader und Hauptsongschreiber Sigi Schneider kennt man noch von der leider aufgelösten, aber seinerzeit hervorragend musizierenden Bernhard Egger Blues Band (BEBB) als Top-Gitarristen. Schneider steuert aber nicht nur astreine Gitarrenparts bei, sondern weiss auch mit seiner Stimme zu überzeugen.

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„YES TO THE SUN“ erschien bereits vor 3 Jahren und weil es damals X-ACT online noch nicht gab und weil das Album ein Hammer ist, gibts hier quasi eine Doppel-Review im Hinblick auf das Release der brandneuen CD „Endlich daham“. Das Album beginnt mit dem relaxten Titeltrack „Yes To The Sun“, einem herrlich groovenden Song aus dem Genre „Kate Bush Märchen-Rock“. Ein wunderschöner Chorus zeigt zudem Hitqualitäten, tolle Pianoparts unterstreichen wiederum den hohen Qualitätsanspruch der Band. „Break The Thorns“ glänzt gleich mal mit einem unpackbar geilen Riff – eher einer Unisono-Hookline -, dann wieder diese tolle Frauenstimme, ein cooler Refrain und dann Sigi’s Gitarrensolo a la Lee Ritenour: genial! Und das Bass-Solo vom Herrn Frosch, keine Frage, auch das haut auf die Zwölf! Bis hierher hat die Band schon mal nix anbrennen lassen und eine musikalische Vielfalt gezeigt, die die Klasse der Protagonisten eindrucksvoll unterstreicht! „Between Coming And Going“ eröffnet mit melancholischen Pianoklängen, vokal ist Sonja Schneider irgendwo zwischen Kate Bush und Annie Lennox angesiedelt. Ein sehr nachdenklicher Song, besser gesagt eine bittersüss-morbide Ballade, bis Sigi’s phänomenales Gitarrensolo dem Song eine Wende gibt, die man so nicht erwartet hätte! Bei „Angie And Michael“ gehts dann im Pop-Swing der fröhlicheren Art weiter, tolle Komposition, die im Chorus an Fahrt aufnimmt und ab dann folkig klingt. Grandios! „So Many Times“ passt wiederum in keine Schublade, könnte ein Song aus dem Fundus von Peter, Paul & Mary sein, die Hippieorgel könnte auch aus dieser Zeit stammen… doch Schneider’s herrliches Country-lastiges und virtuoses Gitarrensolo mit Anleihen an „AC/DC unplugged“ lenken den Song wieder in eine ganz andere Richtung, dann Weihnachts-klingelingeling-Keyboards und ein beschwingtes Feeling im Chorus. Gewöhnungsbedürftig, dann aber einer der Songs, die man unbedingt mehrmals hören muss! Sigi teilt sich darauf folgend mit Sonja die Leadvocals beim Track „New Leaf“, musikalisch eine Mischung aus „Folk Floyd“ und „Toto-meets-Olivia-Newton-John“. Auf alle Fälle eine musikalische Reise der besonderen Art! „There 4 You“ könnte man als Folk-Ballade bezeichnen, wären da nicht die fetten Gitarrenriffs, die den Gegenpol zu den zarten Piano-Klängen bilden. Gewagte aber funktionierende Mixtur! Seine Qualitäten als Jazz-Gitarrist stellt Sigi Schneider dann beim sagenhaften Intro zu „Wealth Of Experience“ unter Beweis, einem Song, der kurios/genial nach der pianolastigen Strophe und einer schrägen Bridge in einem Chorus landet, der Reggae-Einflüsse weder leugnen kann noch will, – klar, das Piano-Solo ist wieder jazzig, vokal gibts tolle Chöre mit kurzen acappella Momenten, ehe Sigi dann ein psychedelic Chorus-Gitarren-Solo beisteuert, das genauso gut von Steve Hillage oder Syd Barrett auch hätte sein können! Pfoah! – die musikalische Range ist bis hierher schon einzigartig! „Sad Song – Happily Sung“ klingt in etwa so, wie es der Titel verspricht. Rhythmisch ein Versatzstück aus Jazz und Latin, das Gitarrensolo verspielt und einmal mehr genial! Stil? „Grateful Dead-meets-The-Carpenters-feat.-Carly Simon“, oder so… „Ascending“ beginnt wieder fragil-morbid wie eine Symphonic-Rock-Nummer. Evanescence-like mystisch elegante Vocals und eine melodische Auflösung hin zu „Pop-for-Specialists“. Sparsam instrumentierter Song, ohne viel Percussions, dafür aber jede Menge Gänsehaut-Feeling! „Your Way“: Sigi einmal mehr lässig jazzig, dann jethro-tullig, ehe der Song mit „Sting-meets-U2“ und einer leidenschaftlich singenden Sonja Schneider mutiert. Einflüsse aus Jazz, Latin, Pop und Folk, – ehe Sigi einmal mehr die Gitarre anständig röhren lässt und somit den rotzig frechen Hard Rock ins Spiel bringt. Cool! „The Right Way“ beginnt mit einer Orgel a la „Wir blättern im Bilderbuch“, ehe der Song dann zu einem satten Midtempo-Groover wandelt, Country-infizierter Chorus, Taylor Swift lässt herzlich grüssen! Ganz klare Sache: Woody Melectric scheren sich einen feuchten Dreck um Stil-Purismus oder gar um die Regeln „wie schreibe ich einen Hit“, erst recht nicht, wenn Sigi Schneider ein bluesiges Solo rauslässt, ehe Orgeltöne a la „Die Sendung mit der Maus“ den Song beschliessen. Dann das oho!-Erlebnis, denn der letzte Song dieses hervorragenden Albums ist deutsch gesungen: „Manchmal“ ist eine Midtempo-Ballade mit den bewährten Zutaten und einem Gitarrensolo, wie es Steve Hackett auch nicht besser hingekriegt hätte. Die Sängerin zieht alle Register ihres Könnens, mal jazzig, dann wieder folkig, bluesig oder… Sentimental-verspieltes Piano-Solo und ein unbeschreibliches Feeling. Das muss man einfach gehört haben! Also, mit einer derartigen Vielfältigkeit hätte ich nicht gerechnet und da im Waldviertel sowieso die Uhren „anders gehen“, verwundert es letztlich auch nicht, dass Woody Melectric sehr anders sind. Aber sie sind es auf eine erdig ehrlich erfrischende Art!

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„ENDLICH DAHAM“, das nigelnagelneue Album, eingespielt mit dem neuen Drummer Michi Sator, ist laut Info „rhythmischer, abwechslungsreicher und weniger melancholisch als das Vorgängeralbum“. Noch abwechslungsreicher? Geht das? Klar, Woody Melectric können das! „Puls am Zenit“ schlägt in diese Kerbe, ist musikalisch ein Leckerbissen und gefällt mit Schneider’s U2-inspirierten Gitarren, insbesondere das Solo, alle Achtung! Sonja Schneider singt deutsch und kredenzt einen Text, der zwischen Reinhard Mey und den Phrasenmäher eine Brücke zwischen intelligenten Reimen und massenkompatiblen Zeilen a la Pur gekonnt schlägt. Fängt schon gut an. Und es wird gleich noch besser: „Voglzug“ ist in Mundart gesungen, plätschert so richtig relaxt aus den Boxen und Schneider, der Schelm 😉 , zitiert im Solo „Somewhere Over The Rainbow“, bevor das Solo in eine Octaver-Wah-Wah-Orgie kippt. Und dann gehts wieder poppig relaxt weiter, eher ein trancig-psychedelischer (!) Synthesizer-Schluss den Zuhörer endgültig verblüfft. „Twist In My Sobriety“ – im Original von Tanita Tikaram –  ist Sonja Schneider natürlich auf den Leib, äh… die Stimme! – geschrieben. OK, englisch, Coverversion, – langsam überrascht mich eh nix mehr, denn Woody Melectric sind auf ihre Art so einzigartig, dass man mit Allem rechnen muss. So auch auf dieser Coverversion des Megahits von 1988, wo ein Streichquartett einen Kontrast zur doch rockigen Band bildet. Der Titeltrack „Endlich daham“ ist dann wieder in Mundart gesungen, allerdings rhythmisch vertrackt und dennoch gerade im Refrain volksmusikalisch angehaucht ist. Interessanter Song, in welchem Sigi eine schönes, melodiöses Solo beisteuert. Sie singt „s Lebm is so wunderschee“, das kommt hin! Und es wären nicht Woody Melectric,  würde es jetzt mal für ein, zwei Songs „normal“ weitergehen… „Tief“ beginnt mit einem astreinen Heavy Metal-Riff, ehe es zappaesk dahinpoltert, gesungen wird hochdeutsch, einmal mehr rhythmisch irgendwo im 7/8-Nirvana, dazu die engelsgleichen Vocals und dann ein jazzrockiger Instrumentalteil. Heavy Riffs im Chorus… unpackbar geil! „Lied“ ist wieder hochdeutsch gesungen und diesmal bewegen wir uns musikalisch im Pop-Rock-Bereich mit jazzigen Einlagen, einem Refrain wie aus der Jungschar-Chorstunde und ein souveränes Gitarrensolo. Das angeheuerte Streichquartett tritt bei „Unermüdlich“ erneut an, also anfangs ist dieser deutsch gesungene Song eher klassikangehaucht, später dann smoothig relaxt bis hin zu medium Rock. Coole Bass-Lines sprengen dann „Grenzen“, so der Titel des nächsten Songs, der auch von Jethro Tull sein könnte, gesungen wird abermals Hochdeutsch. Man kann jetzt schon feststellen, dass der neue Schlagzeuger noch viel besser in den „Sigi-Schneider-Woody-Melectric-Musik-Kosmos“ passt, rhythmisch versierter spielt und mehr Dynamik in den ohnehin schon dichten Sound-Katalog bringt. Und dann die nächste Überraschung: „Drifting“ ist ein Instrumental-Song, der den Ausnahmebassisten Wolfgang Frosch mal in den Mittelpunkt des akustischen Interesses stellt. Tolles Thema und Bass-solistisch allererste Sahne und so sieht man auch augenzwinkernd darüber hinweg, dass der Schlingel bei Stanley Clarke ein paar Fills geklaut hat. Nach den Bass-Ausflügen in jazzrockig-balladeske Instrumentalgefielde mit virtuosen Bassläufen, singt Sonja „parapa di du di a di da da…“ – also textfrei a la Astrud Gilberto, ehe der Bass-Frosch wieder die Frequenzen übernimmt, dazwischen stimmt man sowas ähnliches wie „Superstitious“ an und das letzte Drittel dieser hochkarätigen Instrumental-Nummer, die mit 12:31 Minuten auch relativ lang ist, dominiert dann Sigi’s E-Gitarre, die sich zwischen Hendrix-Style bis bluesig heavy bewegt. Spezialisten haben ohnehin schon bemerkt, dass der Song eine Neuinterpretation des Instrumentals ist, das Komponist Frosch auch schon mit seiner Stammband Bluespumpm gespielt hat. „Jo zua Sunn“ ist der letzte Song, in Mundart gesungen und eine „Cover-Version“ ihres eigenen Tracks „Yes To The Sun“, also der Titeltrack des ersten Albums. Somit schliesst sich der Kreis und somit macht dieses Doppel-Review auch doppelt Sinn.

Woody Melectric ist eine jener Überraschungen, nach denen der echte Musikkenner sucht. Frei von Zwängen und Trends wird hier in erster Linie Musik gemacht um der Musik Willen! Die Musiker scheren sich nix um Schubladen-Denken, überwinden locker sprachliche Barrieren und musikalisch machen sie sowieso, was sie wollen. Und das ist gut so!

Rating „Yes To The Sun“: 8 von 10 Punkten. Rating „Endlich daham“: 9 von 10 Punkten.

Reviews by TOM PROLL

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