PICTURE ON FESTIVAL Bildein – Live-Review

Das Wichtigste zuerst: Es hat sich nichts geändert.

Bildein ist noch immer der liebenswerte, kleine Ort mit rund 320 Einwohnern im Südburgenland. Es gibt romantische Buschenschenken, eine nette Greißlerei mit freundlicher Bedienung (Servus Lisbeth!) und einem rührigen Kulturverein.

Und dieser Kulturverein ist es, der jedes Jahr im Sommer diesen kleinen, netten Ort in einen brodelnden Schmelztiegel verwandelt. In diesem Schmelztiegel kocht ein Süppchen, das man nur ganz selten in Österreich findet.

Die Zutaten? Jedes Jahr Musik aus allen Richtungen, oftmals ältere, gut abgelagerte, manchmal junge, scharfe. Das gibt schon einmal eine gute Basis. Dazu gibt man sympathisches Personal, vom Pressesprecher bis zu den Securities, tausende Besucher, die mit ihrem Stil- und Stimmungsmix dem Ganzen etwas Rundes geben.

Man nehme noch Spezialitäten aus der Region, kulinarisch wie musikalisch, gieße etwas Umweltbewusstsein in Form von kostenlosen Trinkwasserbrunnen oder Abfalltrennung dazu, ein kleiner Spritzer Landschaft und noch ein wenig „Pinkawossa“ und fertig ist…

…das wunderbare Picture On Festival.

Picture On Festival Bildein Picture On Festival Bildein Picture On Festival Bildein

Und hier sind meine Erlebnisse…

Nach einem kurzen Aufbäumen am Donnerstagabend und Freitagmorgen, bei dem zwar ein paar Bäume umgefallen sind, und manche Zelte ihre Flugfähigkeit am Campingplatz unter Beweis gestellt haben, hatte der Wettergott doch ein Einsehen, und so war „Picture On 2017“ regenmäßig ziemlich trocken 😉

Leider ist es mir nicht möglich, zeitgleich zwei Bühnen zu besuchen, und auch der eine oder andere Buschenschank musste besucht werden. So konnte ich leider nicht alle Bands sehen. Ich entschuldige mich schon im voraus bei allen, die in meinen Review nicht vorkommen. Wir sehen uns bestimmt wieder mal!

Meine „gefürchtete“ Bandkritik für Freitag:

OZONE MAMA

Gleich meine erste Band beim Picture On liess heuer mein Herzerl höher schlagen. Ozone Mama aus Ungarn hatten die zum frühen Zeitpunkt schon gut gefüllten Besucherränge bestens im Griff. Wer auf sauberen, mit großem Charisma vorgebrachten Rock steht, sollte sich diese Band einmal ansehen.
Ich greife mal in die Sternenkiste, und werfe für diese Band 7 von 10 Punkten auf Uli’s Picture On Konzertwertung.

Ozone Mama IMG_1675

WORRIED MAN & WORRIED BOY

Rüber in den Apfelgarten. Wiener Sound (oder soll man Wienerlieder sagen?), vorgetragen von Worried Man & Worried Boy. Lustig. Musikalisch perfekt. Und die älteren unter uns werden sich noch an die Worried Man Skiffle Group erinnern, die für über 50 Jahre österreichische Musikgeschichte steht. Und Herbert „Hiero“ Hanata steht noch immer auf der Bühne. Diesmal eben in Bildein.
6,5 von 10 Punkten, – und einen Joker für den längst dienenden Live-Musiker beim Festival.

MINISEX

Schnell rüber zur Hauptbühne. Minisex, die österreichische NDW-Legende spielt. Ja liebe Kinder, NDW (Neue Deutsche Welle) gab’s auch in Österreich, und das nicht zu knapp. Neben DÖF, KGB, Supermax, und später Falco waren wir Österreicher damals auch ganz vorne dabei. Und eine dieser Bands, die damals Kultstatus erlangten, war Minisex. Dass die Neue Deutsche Welle mittlerweile über 30 Jahre am Buckel hat, sah man auch im Publikum. Shakende Damen im Kostüm, neben grölenden Herren mit (teilweise) leichtem Bauchansatz, X-ACT Reporter in Lederhosen und Stimmung ohne Ende. Rudi Nemeczek, mit perfektem „Strahler 80“-Lächeln und seine Band gaben alles. Wirklich alles. Bis zur totalen Erschöpfung. So. Auch wenn jetzt alle schreien werden. Für den dirigierenden Keyboarder (…“wir spielen ja nicht so oft…“), die perfekte Band, und den alles gebenden Rudi („I brauch a Sauerstoffzelt“) erhebe ich mich zu Standing Ovations, und drücke den goldenen Buzzer.
10 von 10 Punkten… und den Erschöpfungsjoker. Danke für dieses Konzert!

Minisex Minisex Minisex

LESS THAN JAKE

Raus mit den Konfettipistolen, ladet die Luftschlangen nach! Hier kommen Less Than Jake. Ist das Ska? Ist das Punk? Rock’n’Roll? Egal. Less Than Jake schenken sich und dem Publikum nichts. Auch die Fotografen im Graben wollen bespasst werden. Denen blasen wir mit der Posaune in die Ohren, dass sich die Blitze an den Fotoapparaten verselbstständigen. Less Than Jake kommen aus Florida, und fühlen sich genauso an. Wie ein erfrischendes Eis in glühender Hitze. Und man will einfach tanzen. Jungs, bitte kommt wieder nach Österreich. Egal wohin. Ich komme. Ihr seid Kult. Ein halber Punkt Abzug für die Posaune in meinem Ohr.
Daher: 9,5 Punkte!

Less Than Jake Less Than Jake IMG_1810

5/8 IN EHR’N

Ich gebs zu. Ich habe mich echt auf diese Band gefreut. Die laut Eigendefinition ‚Leiseste Popband Österreichs‘ wird momentan ja ziemlich gehyped. Und der Apfelgarten war dementsprechend voll. Aber spätestens nach der Einleitung „Wer im Publikum reden will, soll nach hinten gehen“, war’s mir dann doch zu viel. Ich glaube es ging auch vielen anderen so. Der Apfelgarten wurde während des leisen Konzerts leerer und leerer. Ob es an der faden Musik oder den teils unsinnigen, teils anspruchsvollen Texten lag, will ich nicht beurteilen. Mir hat es nicht gefallen. Die Enttäuschung dieses Festivals.
Leider nur 3 von 10 Festivalpunkten.

5/8 In Ehr´n 5/8 In Ehr´n

BAD RELIGION

Die Eminenz Greg Graffin und seine Mannen wollten es wissen. Schnörkellos, ohne viel Drumherum. Die amerikanische Punklegende Bad Religion gab sich die Ehre in Bildein. Mit Greg’s Worten: „Welcome to nowhere. We needed 37 years to find this place.“ starteten sie ein „Punklegenden-Senioren-Konzert“ der Extraklasse. Es fehlte kein Klassiker, kein Klischee wurde ausgelassen. Und das Publikum feierte die Band mit Moshpit, Pogo und improvisierten (weil verbotenem) Stagediving. Und zum Schluss… „Punk Rock Song“… und der Uli konnte fröhlich singend, leicht beschwipst aber zufrieden wie Oskar Richtung Campingplatz marschieren.
Für die tolle Musik, und den gemässigten Enthusiasmus gebe ich 8,5 von 10 Punkten.

Bad Religion Bad Religion

TAG 2 – Es geht weiter…

SHANTEL & BUCOVINA CLUB ORKESTAR

Ganz ehrlich, ich habe nur die letzten drei Nummern gesehen. Aber als ich nach einem ausgiebigen Buschenschankbesuch auf das Festivalgelände kam, dachte ich „Was ist denn hier los?“, und kämpfte mich nach vorne. Auf ebendiese Frage zeigte der Security, der trotz schwerer Montur, Stiernacken und Tattoos scheinbar momentan nur Tanzen im Sinn hatte, auf die Bühne, und antwortete „Mann, sind die gut.“ Und das kann ich nur bestätigen. Shantel & Bucovina Club Orkestar ist Musik aus dem Osten. Klezmer, Balkanrythmen und Funk, garniert mit Pop und Rock, mit Bläsersatz und jeder Menge Gaudi. Musik zum Hüpfen, zum Springen und Mitsingen (wenn man den Text kennt, bitte sehr…). Grossartige Band, tolle Performance.
8 Punkte, und ein Joker für die tanzenden Securities!

Shantel & Bucovina Club Orkestar

ALPHA BLONDY

Warum man ein Reggae-Idol trotz anderer Vorankündigung vor einer mittelmäßig agierenden österreichischen Nachwuchshoffnung auftreten lässt, ist mir ein Rätsel. Aber das werden die Veranstalter schon wissen. Alpha Blondy erfüllte alle Erwartungen. Er rief zum Weltfrieden auf, schäkerte mit dem Publikum, spielte all die grossen Hits von „Jerusalem“ bis zur Zugabe „Wish You Were Here“ (die ich übrigens unserem Freund Rocky widmen möchte, der heuer nicht dabeisein konnte), und machte gute Laune. Einfach ein schöner Reggae Ausklang für ein tolles Festival.
7,5 Punkte auf meiner Skala.

Alpha Blondy Alpha Blondy Alpha Blondy

MOTHER’s CAKE

Ziemlich viel Vorschusslorbeeren ernten momentan auch Mother’s Cake. Beim „Picture On Festival“ hat man sie sogar auf die Headliner-Position verschoben. Nun ja. Musikalisch sind die Jungs gut. Die Nummern klingen auf CD interessant. Live? Würde ich sie mir nicht mehr ansehen. Ein ewiger Soundcheck. Nach der ersten Nummer rufen Leute aus den ersten Reihen im Publikum „We can’t hear your voice…“
Kein Frontlicht, dafür von hinten viel weißes Licht. Sicherlich das Optimum für Musikfreunde und Fotografen, die die „Stars“ auch sehen wollen. Was man sah, waren zappelnde Schatten im Gegenlicht, die musikalisch sicherlich interessant sind, und ihr Fach auch beherrschen. Leider spielten sie vor halb gefüllten Rängen, und nach und nach machten es viele Besucher des Picture On wie ich. Sie kauften sich ein Langos, und gingen nach Hause. Für die Musik gibt’s Sterne, für den grottenschlechten Sound und das unpassende Licht Abzüge.
5 von 10 Punkten. Enttäuschend.

Mother's Cake Mother's Cake Mother's Cake

Mein Resümee:

Eines muss man den Südburgenländern lassen. Es ist einfach toll, ein Wochenende in einer derart entspannten, friedlichen und schönen Umgebung zu verbringen. Und ich klaue die Worte bei Chris Demake’s von Less Than Jake: „Ein Festival, das Monate, bevor das Line Up veröffentlicht wird, restlos ausverkauft ist, ist einfach etwas Besonderes.“

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Live-Review by ULI STOLLWITZER