PRETENDERS – „Alone“ (CD Review)

THE PRETENDERS veröffentlichten Ende Oktober 2016 ihr brandneues StudioalbumAlone bei BMG. Das erste Studio-Album seit acht Jahren war ursprünglich als Nachfolger von „Stockholm“ gedacht, dem 2014 erschienen Soloalbum von Sängerin Chrissie Hynde. Bald wurde jedoch allen Beteiligten klar, dass die treibenden Gitarren, zackigen Arrangements und sanften Texte fantastisch vertraut klangen – gesungen von der unverwechselbaren Stimme einer ganzen Generation. The Pretenders waren zurück! 36 Jahre nach ihrem außergewöhnlichen Debüt könnte „Alone“ die ältere, weisere und bösere Schwester des ersten Albums sein. Chrissie Hynde nahm „Alone“ zusammen mit Produzent und Multi-Instrumentalist Dan Auerbach von The Black Keys in Nashville auf. Die Band besteht aus Johnny Cash’s ehemaligen Bassisten Dave Rose, Country-Rocker Kenny Vaughan und allerlei Mitgliedern von Auerbach’s Nebenprojekt The Arcs: Richard Swift (Drums), Leon Michels (Keyboards) und Russ Pahl (Pedal-Steel-Gitarre). Gemixt wurde das Album von Tchad Blake (Arctic Monkeys, Peter Gabriel, Elvis Costello). Der legendäre amerikanische Rockgitarrist Duane Eddy hat ein Gastspiel auf dem schwungvollen und charakteristischen „Never Be Together“Chrissie Hynde beschreibt „Alone“ wie folgt: „Von all meinen Alben liebe ich dieses am meisten. Richtige Musiker spielen richtige Musik. Es hat 48 Stunden gedauert, um jeden Ton zu singen und aufzunehmen. Aber 40 Jahre, um sie vorzubereiten.“

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Nun gut, Chrissie Hynde zählt zu meinen absoluten Lieblingssängerinnen und somit hat sie schon mal einen Haufen Bonuspunkte. Dann sind die Pretenders eine göttliche Band und haben zahlreiche Songs für die Ewigkeit geschrieben, – noch zig Bonuspunkte dazu. Und dann kommt eben die Weihnachtszeit in Sauseschritten auf uns zu und Chrissie Hynde hat ja mit ihren Pretenders „Have Yourself A Merry Little Christmas“ aufgenommen, mein absolut allerliebstes Weihnachtslied ever! Aber nur in ihrer Version! Dafür gibt’s nochmals die Höchstpunktezahl! Aber was kann das neue Album wirklich? Mit „Alone“ geht das neue Album ja schon mal richtig gut weg, ein rotzig frecher Rock’n’Roll-Song, aber – um ehrlich zu sein – meilenweit von der Qualität früherer Pretenders-Alben weg! Auch Chrissie’s Stimme reisst da nix raus… „Roadie Man“ kommt im Sixties-Sound daher und wäre vermutlich damals schon durchgefallen. „Gotta Wait“ weist dann erstmals alle gute Charakteristiken auf, die einen guten Pretenders-Song damals wie heute ausmachten! Freche Gitarren und treibender Beat, Frau Hynde singt dazu, haucht und flucht… wie früher. Und das kommt gut so. „Never Be Together“  ist dann der erste richtig gute Song, der auch an die Qualität früherer Songperlen fast heranreicht! Aber eben nur fast. „Let’s Get Lost“ versprüht dann endlich diesen bittersüssen Charme, den man früher an den Pretenders so geliebt hat. Aber die herrlich filigrane und unglaublich harmonische wie auch freche Gitarrenarbeit von James Honeymoon-Scott († 1982) fehlt hier schmerzhaft… „Chord Lord“ ist ein mittelmässiger Rocksong, der tut nicht weh, sorgt aber auch nicht für Begeisterungsstürme. „Blue Eyed Sky“ hat dann wieder Pretenders-Qualitäten, die aber ausschliesslich auf die herzergreifende Vocals unser aller Chrissie Hynde zurückzuführen sind! Eine schöne und gefühlvolle Ballade allemal.

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„The Man You Are“ kann dann endlich voll und ganz an alte Erfolge anschliessen und ist eine Pretenders/Hynde-Ballade durch und durch, mit all den zerbrechlich feinen Vocal-Lines und sorgsamer Instrumentierung, die stets dem Song dient. Das gilt in etwa auch für „One More Day“, welches musikalisch etwas mehr swingt und echt gut rüberkommt. Und dann wird es heftig, beim Song „I Hate Myself“ vollführt Chrissie einen Selen-Striptease und serviert einen der emotionalsten Songs ihrer gesamten Karriere! Hier hört man die alten Pretenders nicht nur einwandfrei heraus, sondern spürt sie förmlich! Ein grandioser Song! „Death Is Not Enough“ ist dann die Ballade, die alles wieder gut macht und eine Chrissie Hynde in gewohnter Qualität und Feinfühligkeit präsentiert! Ende gut, alles gut. Aber halt! Da gibt’s noch einen Bonus-Track: „Holy Commotion“, ein seltsamer Titel mit leicht asiatische  Synthiemelodien und seichtem Groove, alles in allem eher ein Bonus-Dreck, den man sich hätte sparen können…

Fazit: Ich habe acht Jahre lang auf ein neues Album einer meiner Lieblingssängerinnen gewartet und hätte gerne noch ein wenig länger gewartet, wenn sie dafür die Songs etwas mehr ausgearbeitet hätte und wirklich wieder zu alten Höchstformen zurückgefunden hätte! Aber es sind ja einige Perlen drauf und nach mehrmaligem Hören finden durchaus immer mehr Songs den Weg in die Gehörgänge. Das Blöde ist nur, dass sie sich selber mit ihren früheren Klasse-Alben und ihren Jahrhundert-Songs die Latte sehr hoch gelegt hat und diesen enormen Standard erreicht sie leider auf „Alone“ nur selten…

Rating: 6 von 10 Punkten!

CD Review by TOM PROLL

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