SELTSAM – „Seltsam“ (CD Review) – Grätzl-Rock und Beisl-Punk de Luxe

Vor 15 Jahren hatte ich die Ehre, die allererste CD-Kritik, die von der Wiener Band Seltsam jemals veröffentlicht wurde, verfassen zu dürfen. Aber das war noch zu der Zeit, als X-ACT ein Print-Magazin war. Lang, lang ist’s her… Die Zeit verging und die Band veröffentlichte sehr erfolgreich 3 Alben (Sänger Sauer noch zusätzlich 2 Solo-Alben als „Seltsam Supreme“). Über all die Jahre sammelten sie Preise, Enttäuschungen, Erfahrungen, Erfolge und dachten wohl, dass es nun an der Zeit ist, mit dem 4. Album „Seltsam“ eine Art Bilanz zu ziehen. Und so hört man nicht nur ein paar brandneue Songs, sondern auch Neuaufnahmen und/oder Neuinterpretationen aus Seltsam’s Schaffen, also von der Ursteinzeit über die Jahre des Lernens und des Erfolgs bis hin zu den neueren, gereiften Stücken.

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Das Album beginnt mit einem neuen Song: „Marty“ ist Marty McFly aus „Zurück in die Zukunft“ gewidmet, der sich 1985 auf den Weg machte, zu uns in unsere Gegenwart zu reisen. Textlich eine Perle und musikalisch eine saubere Rockballade. Und ein sehr guter Einstieg in dieses Sammelsurium aus herrlichen Texten und allen möglichen Musikstilen. Und über allem thront die Stimme von Mastermind Alexander Sauer alias Alex Anders! Und wenn der „Fluxkompensator fluxkompensiert“ ist, preschen Gitarren frech nach vorne und „Flucht“ ist die wesentlich rotzigere Neuaufnahme des Songs, der auf dem letzten Studioalbum „Gott lernt surfen“ vor 13 Jahren schon ein saftiges Ausrufezeichen setzte! „Wesen“ stammt dann vom 98er Debut-Album „Harte Worte“. Filigrane Instrumentation und einfühlige Vocals und davon darf man sich nicht täuschen lassen, denn das Schlitzohr von Sänger und Texter namens Sauer hat hier eine bittersüsse Morbidballade geschaffen, die im Laufe des Songs noch zu einem richtigen Rocksong anschwillt! Der nächste Track „U-Bahn“ stammt vom zweiten Album „Schwerelos“ (2000) und ist etwas gitarrenlastiger ausgefallen und das tut dem Song hörbar gut. „Kaiserin“ ist ein neuer Song und will als Hommage an unser aller Romy Schneider verstanden werden. Und wer jetzt an eine Ballade denkt, der täuscht sich gewaltig, denn dieser Track kommt schwerstens Punk-lastig daher und fräst einem einen Mittelscheitel. Das rockt! „Mond“ ist dann wieder ein Song von Seltsam’s Album „Schwerelos“. Dieser Song öffnete der Band im Jahr 2002 Tür und Tor für deutsche Festivals, nachdem die Band den „Sounds Of Nature“-Preis gewonnen hatte und auf Radio Wien damit den „Sommerhit 2002“ belegte! „Drei“ stammt ursprünglich auch von „Gott lernt surfen“ und ist eine Ballade der etwas anderen Art, aber kommt gut rüber und hat ebenso bittersüsse Momente und dunkelschwarze Thematik.

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„Langspielplatte“ ist eine tolle, autobiografische Nummer und eine Hommage an die gute, alte Langspielplatte, die ja einst totgesagt, seit einiger Zeit wieder fröhliche Urständ feiert! Musikalisch werden alle Rock-Klischees verbraten, die es irgendwie gibt. Herrliche Nummer! „Frauen“ stammt vom Album „Seltsam Supreme“ (2011), welches das zweite Solo-Album von Alexander Sauer war und ihm zudem seinen Künstlernamen Alex Anders bescherte. „Frauen“ ist eine Rocknummer in der Tradition, die auch Hansi Lang so gerne pflegte. Diese Musik könnte man „Wiener Grätzl-Rock“ nennen. Oder „Beisl-Punk“… Modernere New Metal-Töne werden dann bei „Biest“ angeschlagen. Der Song stammt ursprünglich vom Debut-Album und ist in der Neufassung wesentlich härter und geht in die Rammstein-Richtung. Ein fetziges Gitarrensolo macht dann aber den kleinen, aber feinen Unterschied. „Ärgerlich“ ist dann wieder eine brandneue Nummer, die mit klassischen Tönen beginnt, mit frechen Riffs nachsetzt und dann heavy groovend dahinfährt. Ein frecher Text hält unserem alltäglichen Treiben auf morbide Wiener Art den Spiegel vor. Der nächste und zugleich vorletzte Song „Steinwerferlicht“ stammt  von 2005 vom gleichnamigen Seltsam Supreme-(Solo)-Album. Eine schwermütige Heavy-Ballade mit Text zum Nachdenken… Den Abschluss  bildet „Mutter“, ein Song vom „Gott lernt surfen“-Album, der locker und lässig dahin swingt und einen scheinbar autobiografischen Text kredenzt.

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Hat man das Album durchgehört, kommt man zum Schluss, dass es jammerschade ist, dass es soviel saugute österreichische Musik gibt, die fast untergeht, weil wir in einem ignoranten Land leben, in dem verblödende und unterbelichtete Bands wie Wanda den wesentlich besseren Acts wie z.B. Seltsam die Butter vom Brot stehlen… Darum ergeht hier die unbedingte Kaufempfehlung!

Rating: 8 von 10 Punkten!

CD Review by  TOM PROLL

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