STING – „57th & 9th“ (CD-Review)

Sting hat ein neues Album. Und was wurde da nicht im Vorfeld alles gesagt oder in sündteuren Werbeclips versprochen: „Endlich wieder ein Rock-Album“ oder „sehr gitarrenlastig“ bis hin zu „das erste Rock-Album seit Police“… Alles Mumpitz, alles aufgelegter Blödsinn, den Police war mit Sicherheit keine Rockband und das Album „57th & 9th“ ist auch keine „Rückkehr“ zum Rock… Selten so gelacht über eine derart fehlgeleitete PR-Kampagne einer selbstherrlichen Plattenfirma…

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Aber um was geht’s? Nun, Sting (Vocals, Bass) hat sich (vorerst) vom Kaufhaus-Jazz und World Music-Verzetteleien verabschiedet und bewegt sich wieder auf erdigem Terrain, instrumentierte seine neuen Songs sparsamer und spielte ein Album mit Dominic Miller (Guitar), Vinnie Colaiuta (Drums) und einigen Gästen ein. Und mit „I Can’t Stop Thinking About You“ geht das Album dann tatsächlich sehr straight und bockig rockig los. Fast könnte man denken, die werbetechnisch versprochene „Rückkehr“ zum Rock würde tatsächlich vollzogen sein. Auf alle Fälle ein wirklich guter Song in typischer Sting-Tradition. Da gibts nix zu meckern! Der nächste Song „50,000“ ist eine Hommage an Lemmy, Prince und Bowie, klingt wie U2 für Arme und weiss doch zumindest im Chorus zu gefallen. Rock? Fehlanzeige. „Down, Down, Down“ beginnt mit einem lässigen Riff. Nun doch Rock? Nix da, im Vers fällt alles zusammen und entwickelt sich auch in weiterer Folge maximal zu einem Röckchen. Hier kann man auch nicht sagen, dass wenigstens punkto Songwriting alles in trockenen Tüchern wäre… Dann „One Fine Day“ mit seiner unbeschwerte Leichtigkeit und wunderschönen Melodien. Das ist nun mal echt ein hervorragender Song in der Qualität, die auf „Bring On The Night“ allgegenwärtig war. Aber mit Rock hat das auch nichts zu tun. „Pretty Young Soldier“ könnte von irgendeinem Sting-Album sein. Alles plätschert dahin, der leichte Country-Touch macht sich gut, – aber vom Rock sind wir mittlerweile meilenweit entfernt.

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Dann wieder ein rotzig freches Riff, der Meister singt straight und fast schon zornig und ja, das ist Rock! Es geht um den Song „Petrol Road“, der endlich dorthin geht, wohin die Trailer versprochen haben. Dann ein seltsames aber freches Solo… Aber dann ist auch schon wieder Schluss mit Rock, denn „Heading South On The Great North Road“ ist dann ein Song im „Fragile“-Stil. Gut? Ja. Spitzenmässig gesungen? Ja. Rock? Nie und nimmer! Mittlerweile ist das neue, angeblich sooo rockige Album, wieder zu einem typischen Sting-Album geworden. „If You Can’t Love Me“ ist ein hervorragender Song mit smooth-jazzigen Anleihen und könnte von jedem x-beliebigen Sting-Album stammen. Wir sind nunmehr so weit vom Rock entfernt wie seinerzeit The Police von Iron Maiden… Das wird bei „Inshallah“ noch schlimmer, denn hier gesellen sich noch World Music-Elemente zu orientalischen Anleihen und mutieren zu einer Anbiederung an islamische Denkweisen… Das ganze im slow gehaltenen „Tempo“ und so weit von Rockmusik entfernt, wie zwei Galaxien… Kanns noch weniger Rock sein? Kann es. Mit dem Schlusstrack „The Empty Chair“ (auch im „Fragile“-Flair) geht es minimalistisch, sparsamst instrumentiert und unter Ausschluss jedweder Rock-Elemente in die Zielgerade. In Summe bleibt ein zwar gutes Sting-Album mit eineinhalb Rock-Songs. Und hätte nicht die Plattenfirma so goschert auf Rock gemacht, dann wäre es halt ein gutes Sting-Album. Aber auch nicht mehr und nicht weniger…

Rating: 5 von 10 Punkten.

CD-Review by TOM PROLL