FOTZHOBL – „Kokolores“ (CD Review)

Fotzhobl stammen aus Wien und Linz und spielen laut Eigendefinition „Goschnrock“, also Rock mit Mundart-Vocals. Nun haben sie mit „Kokolores“ die bereits 4. Veröffentlichung auf die Menschheit losgelassen. Mal schauen, ob das was kann…

„Wer schmust is zamm und außerdem is schmusen superangenehm. Wer diese Zeilen singt, hat gewonnen. Oder sagen wir: Wer diese Zeilen singt, ohne kitschige Volksmusik oder pubertären Hip Hop zu machen, der hat gewonnen. Wenn Fotzhobl musizieren und singen, wie ihnen der Mund gwoxn is, wenn es ihnen gelingt, Heideggers Begriff des In-der-Welt-Seins im Rage-Against-The-Machine-Sound zu feiern (sowos von do!), wenn sie die Stadt Wien mit ihrem eigenen Lexikon (eh) in einer Hassliebestirade zerlegen, wenn wir als Hörer nach dem metalligen Schrei nach Frischluft chillige Kuschelatmosphäre à la Jack Johnson einatmen dürfen, dann stellt sich die Frage, ob Fotzhobl bodenständig oder experimentell, […] leicht notwendig oder goa essentiell sind, erst gar nicht. Denn wir haben gewonnen. Wir können zur urbanen Mundart-Mukke abrocken, unser eigenes Sudern und Trenzen zelebrieren und uns beim In-der-Stadt-Verlorensein zumindest musikalisch und sprachlich ein wenig zuhause fühlen. Kokolores verbreitet keine unangenehm peinliche stolzdrauf-Atmosphäre, sondern erkundet Österreich und das Österreichische mit der adäquaten Grundhaltung: Raunzend-rau, kritisch-grindig, laut und wüd.“ schreibt ein gewisser Stefan Pointner, wer auch immer das ist, – aber er hat sich das vorliegende Album offensichtlich sehr gut angehört.

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Nun denn, das Album beginnt mit „Sowos von do“ rotzig frech, – allerdings wo der Herr Pointner da Rage Against The Machine rausgehört haben will, bleibt sich mir rätselhaft verschlossen. Musikalisch ist das eindeutig Post-Punk mit leichten NuMetal Anleihen, nicht mehr aber auch nicht weniger. Die Band spielt nix wirklich Hochkompliziertes, ist aber tight und groovig und das genügt aber auch, denn die Sänger-„Rotzpipm“ zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Er schreit und singt sich durch fraglos gute Texte! Das gilt für alle Songs dieses Albums. Track Nummer 2 ist musikalisch schaumgebremst, Indie-Ballade oder „Grad-z’Fleiß-Alternative-Blues“ oder so… aber der Text von „Wos geht“ ist wohldurchdacht und unterstreicht die Absicht, authentische Lyrics vortragen zu wollen. Eigentlich eine super coole Nummer! „Larifari“ ist irgendwie noch langsamer, balladesk, aber krampfhaft mit jazzigen Elementen versehen… Das geht in die Hose. Obwohl, das muss hier festgehalten werden, der Rest der Band spielt sehr sauber und relaxt, bildet den Grundstock, auf dem sich der Sänger austoben kann. Nur, die „Leadgitarren“-Hooks sind zusammengeschustert, wobei allerdings das „Hauptsolo“ wieder ganz gut gespielt ist… Da soll sich einer auskennen… Mit „Frischluft“ schlagen sie dann wieder härtere Töne an, irgendwie eine Mischung an 70er-Metal und Punk. Der Song groovt wie die Sau und geht auch anständig ab, hookige Riffs und satter Sound machen Lust auf mehr. Nur, ob man’s jetzt glaubt oder nicht, ausgerechnet bei diesem Song servieren Fotzhobl die erste textliche Niederlage… Da soll sich einer auskennen…

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Textliche Tiefe gibts dafür wieder im Song „Sonntagskind“, der musikalisch im Indie-/Alternative-Bereich zuhause ist. Jetzt nicht unbedingt eine Sternstunde in punkto Komposition, aber mit dem Text eine wunderbare Einheit bildend, ist dieser Song zumindest mal ein echtes Highlight. „Keine Musik“ beginnt mit Schreigesang und einem Gitarren-Riff, wo man sich fragt, wie es ob der heutigen technischen Möglichkeiten überhaupt noch möglich ist, so einen grindigen Verzerrer-Sound überhaupt hinzubekommen. Hat man sich auf diesen Ohrenkrebs verursachenden „Sound“ erstmal gewöhnt, ist der Song in seiner Gesamtheit echt anspruchsvoll geworden, ein genialer Text, eingebunden in ein – man staune! – echt gutes Arrangement und mit einem fetten Riff im Chorus. Mit „Rosarot“ beschreiten Fotzhobl dann wieder einen musikalischen Weg nahe am Abgrund, zumindest am Anfang düdln die Gitarren verstimmt und billig wie bei einem Vorspielabend einer chinesischen Provinz-Musikschule. Der Sänger singt sich einmal mehr bravourös durch den sonst recht anspruchsvollen Track, auch das Arrangement ist ansprechend und an sich recht sauber gespielt. Der Text bekommt sicher nie den Literaturnobelpreis, gehört aber mit zum Besten, was je ein österreichischer Mundart-Texter rausgelassen hat. Wir kommen zum letzten Stück namens „Eh“, wo sich einer der Gitarristen etudenhaft versucht, was klingt wie am Vorspielabend einer Musikschule in Floridsdorf. Egal, der Sänger rettet eh wieder alles. Es bleibt eine Gitarrengezupfe-mit-Gesang-Nummer und das über eine Strecke von 4:10 Minuten! Hier hätte ein minimalistisches Arrangement mit etwas Bass und Drums dem Song wahrlich besser getan…

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Unterm Strich ein dennoch lässiges Album mit einem sehr guten Sänger, sehr guten Texten und einer wirklich guten Rhythm-Section. Lediglich die 2 Gitarristen haben noch einige Lektionen zu lernen, die Anschaffung eines Stimmgeräts wird sich letztendes auch nicht als Fehler herausstellen und genaugenommen ist das Album mit nur 8 Songs ein bisserl sehr kurz geraten. Kurz und knapp auch die Infos am Cover/im Booklet, alles minimalistisch, dafür sind ausgerechnet bei einer Band, wo der Sänger mal ausnahmsweise superklar und deutlich zu verstehen ist, die Texte abgedruckt. Da soll sich einer auskennen…

Rating: 7 von 10 Punkten.

CD Review by TOM PROLL

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