TOTO – Live in Zürich, CH, Hallenstadion, 12.3.2018 (Live-Review)

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, so lautet ein uraltes Sprichwort und wenn einer bei einem Toto-Konzert war, dann könnte er glatt ein Buch schreiben! Apropos „Reise“: „40 Trips Around The Sun“ heisst das neue Album und unterwegs sind sie derzeit auf der „40 Trips Around The Sun Tour“. Und mit ebendieser machten sie am 12. März 2018 auch im Zürcher Hallenstadion Station. Das Hallenstadion war zwar supergut gefüllt, aber nicht restlos ausverkauft, dafür war das tolle Publikum restlos aus dem Häuschen! Toto mit spartanischer Bühne, ohne Video-Walls und LED-Wände und auch sonst mit sparsamer Show, kein Rauch, Blitz, Pyro oder sonstiger Schnickschnack, dafür eine musikalische Machtdemonstration ersten Ranges! Halleluja! Die in musikalischer Hinsicht, Können der Instrumentalisten und Sänger, sowie punkto Songs und Arrangements die derzeit wohl beste Band der Welt!

Diese Tournee zum 40-jährigen Bühnenjubiläum eröffneten sie gleich mal saftig mit dem Midtempo-Kracher Alone vom neuen Album. Sie setzten gleich noch einen drauf und spielten schon als 2. Song den Über-Hit „Hold The Line“ vom Debut-Album (1978)! Und das muss sich eine Band erst mal leisten können, einen ihrer allergrössten Hits gleich mal am Anfang zu verbraten! Natürlich alles astrein gespielt und spätestens beim Gitarren-Solo von Ober-Toto Steve Lukather (60) jubelten die Schweizer und weiter Angereiste frenetisch! Was für eine Stimmung! „Lovers In The Night“ vom Album „IV“ (1982) war dann eine der vielen Überraschungen des Abends. Denn Toto spielten nicht ein Hit-Medley nach dem anderen, sondern haben auch ältere und vor allem seltener gespielte Songs ausgegraben und so den echten Fans wahre Freude bereitet. Song Nummer 4 war dann ein weiterer neuer Song vom aktuellen Album: „Spanish Sea“ ist ein wunderschöner Titel mit dem so typischen Groove, wie ihn einst nur Jeff Porcaro († 1992, Drums) und Mike Porcaro († 2015, Bass) kreieren konnten! Aber die neue Rhythm-Section – Shannon Forrest (Drums) und Shem Von Schroeck (Bass, Vocals) – groovte das Ding auch ordentlich über die Runden!

Dann ein weiterer Song, der das Prädikat „Hit“ aufgestempelt hat: „I Will Remember“ (vom Album „Tambu“, 1995) natürlich mit diesem umwerfenden Chorus und alle sangen dankbar mit! Die Stimmung war nun wirklich sensationell und mit „English Eyes“ vom Album „Turn Back“ von 1981 ging es heftiger und progressiver zur Sache. Geiler Song! Sie blieben progressiv und mischten jede Menge Jazz und Fusion hinzu: der Instrumental-Track „Jake To The Bone“ (Album „Kingdom Of Desire“, 1992) dauerte knapp 10 Minuten und hier zeigten alle Musiker, dass sie wahre Könner sind. Perfekt gespielte Polyrhythmen, schwierigste Unisono-Parts und Tempiwechsel zuhauf… Und über allem thronte das grenzgeniale Guitar-Solo vom Publikums-Liebling Steve Lukather! Was für ein Song, was für ein Solo! Mit der tollen Ballade „Lea“ (Album „Fahrenheit“, 1986) und dem „Grammy“-ausgezeichneten Monster-Hit „Rosanna“ (ebenfalls vom Erfolgsalbum „IV“, 1982) beendeten sie den ersten Teil des Konzertes.

Der zweite Teil des Konzerts wurde von der Band selber als „Acoustic Storytellers“ betitelt, sie nahmen gemütlich Platz auf den Stühlen und schlossen die akustischen Instrumente an. Dabei entpuppte sich speziell David Paich (63, Keyboards, Piano, Vocals) als Plaudertasche und „G’schichtl-Erzähler“. „Miss Sun“ war 1977 auf dem ersten Demo, mit dem Toto um einen Plattenvertrag ritterten. Damals noch gesungen von Dalbello (!), nunmehr vorgetragen von David Paich und erstmals zu finden auf dem Album „XX“ (1998). Ein nettes Nümmerchen mit einer historischen Bedeutung, mehr aber auch nicht… Das änderte sich schlagartig mit dem nächsten Song „Georgy Porgy“. Dieser Song, der ursprünglich auf dem Debütalbum von 1978 zu finden war, gehört nunmehr fest zu den Jazz-Standards (!) von Musikstudenten und ist einer der bekannteren Songs der Truppe aus Los Angeles! Dann erzählte Steve Porcaro (60, Keyboards, Vocals), wie er „Human Nature“ schrieb und wie Michael Jackson diesen Song hörte und für sein Album „Thriller“ (1983) haben wollte. Und weil diesen Song (wie auch fast das gesamte „Thriller“-Album) von der Toto-Mannschaft eingespielt wurde, so boten sie im Hallenstadion praktisch eine Cover-Version einer eigenen Nummer… Crazy, – aber wunderschön vorgetragen!

„Holyanna“ vom „Isolation“-Album (1984) war und ist ein veritabler Hit und allein schon wegen seines „Bierzelt-Grooves“ und der Mitsing-Tauglichkeit ein unbedingtes Muss. Die Anwesenden wussten das zu schätzen und grölten artig mit… „No Love“ vom genialen Album „Mindfields“ (1999) war dann wieder so eine Überraschung! Also mit diesem Song hatte man nicht wirklich gerechnet. Danach das unsterblich gute und gnadenlos exotische „Mushanga“ vom Album „The Seventh One“ (1988), welches eine weitere Überraschung darbot. Ein wundervoller Song, aber weder ein Favorit des „normalen“ Publikums und schon gar kein Hit. Aber mehr als die Hälfte des Publikums waren scheinbar ja ohnedies eingefleischte Fans und wahre Spezialisten und die wussten das sehr wohl zu schätzen! Mit dem Mega-Hit „Stop Loving You“ (Album „The Seventh One“, 1988) beendeten sie das Acoustic-/Storytellers-Set und Steve hängte sich wieder das Strom-Ruder um: Mit „Girl Goodbye“ vom legendären Debut-Album (’78) fetzten sie in den dritten Teil ihrer Jubiläums-Show! Sie machten diese starken Rocksong fast schon zu einer Prog-Rock-Hymne und liessen echt nix anbrennen!

Danach mit „Angela“ noch ein Song vom Erstlings-Werk, der meines Wissens noch nie in einem Live-Set gespielt wurde! Eine echte Rarität also und vielleicht auch deswegen im Programm, weil da ja eine Flöte tonangebend mit dabei ist und der Multiinstrumentalist Warren Ham (Saxophon, Flute, Vocals) auf dieser Tour wieder mit dabei ist und man somit das Stück originalgetreu spielen konnte? Egal, den Fans hat es gefallen und „Angela“ ist ja auch eine sehr abwechslungsreiche und toll arrangierte Nummer mit einem sehr mächtigen Gitarren-Riff! Danach mit „Lion“ vom „Isolation“-Album (1984) wieder eine Rarität. „Lion“ ist ein eher mässiger Song und stattdessen hätten sie meinetwegen ruhig einen bekannteren Song ins Programm nehmen können… Dann mit dem „Desert Theme“ aus dem Soundtrack des Films „Dune“ (deutscher Titel: „Dune der Wüstenplanet“, 1984), den ja in seiner Gesamtheit Toto komponierten und einspielten. Als Produktionspartner fungierte damals Brian Eno. Ein eher mühsamer Instrumentaltitel, den nur das unfassbare Gitarrensolo herausgerissen hatte! Danach ihre Hommage an die Beatles: „While My Guitar Gently Weeps“ vom Cover-Album „Through The Looking Glass“ (2002), wo abermals Steve Lukather als Sänger glänzte und als Gitarrist verzückte! Wahnsinn, was der aus seiner Gitarre herausholt!

„Stranger In Town“ (Album „Isolation“, 1984) läutete dann das Finale ein. Der stampfende Midtempo-Song mit seinen Sing-a-long-Qualitäten gilt ob seiner Chart-Positionen fraglos als Hit, ist aber meiner Meinung nach eine eher bescheidene Komposition dieser ansonsten unbescholtenen Weltstar-Truppe! Anyway, das Hallenstadion stand mittlerweile Kopf und sang lauthals mit! Es folgte „Make Believe“ vom Album „IV“ und das war dafür wieder der Oberhammer! Das Twin-Leadguitar-Solo spielte Lukather im Original selber und aus Ermangelung eines zweiten Gitarristen spielten das diesmal Luke und der Saxophonist. Auch geil! Der Song selber eine Rarität ersten Ranges, wurde bislang äusserst selten live gespielt und hat dem Autor dieser Zeilen Tränen in die Augen gedrückt! Dann Luke mit folgender Ansage: „Are you ready for THAT song???“ Und es kam, was kommen musste: „Africa“ (ebenfalls von „IV“, 1982) bescherte der Band den Unsterblichkeits-Status und ein paar Grammys und eben diesen profunden weltweiten Bekanntheitsgrad. Toto zelebrierten diesen Song in einer 15-minütigen Version inklusive Mitsing-Teil XXL und einem Percussion-Solo von Urgestein Lenny Castro (68). Der absolute Hammer, jeder Zweite zückte sein Handy und filmte, was der Akku hielt! Ein Meer von Smartphone-Bildschirmen, eine etwas andere, skurrile Lightshow!

Danach lange „Zugabe“-Chöre und Toto liessen sich nicht lumpen und brachten „The Road Goes On“ vom Album „Tambu“ von 1995. Ein Jahrhundert-Song und ein Konzert-Ende wie aus dem Bilderbuch. Alle gingen happy und gesittet nach Hause, kauften am Merchandising-Stand noch brav T-Shirts oder Pudel-Hauben und hatten soeben eines der besten Konzerte ihres Lebens gesehen! Keine Frage, Toto spielen in einer eigenen Liga, lassen auch im 40. Jahr ihres Bestehens nix anbrennen und dass sie unglaublich geniale Musiker sind, müssen sie niemanden mehr beweisen. Klar, man hätte sicher auch gerne Hits wie „I’ll Be Over You“ oder „I Won’t Hold You Back“ oder „Pamela“ gehört, aber was soll’s, dafür spielten sie einige sehr selten gespielte Songs und Raritäten. Alles in allem eines der besten Konzerte meines Lebens, das Konzertereignis des Jahres sowieso und wenn diese Tour zu Ende ist, kommt hoffentlich eine DVD auf den Markt, damit man sich das noch einmal und noch einmal geben kann! Wahnsinn!!

Live-Review by TOM PROLL und SYLVIA TSCHOPP-BECCARELLI

 

Tom
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X-ACT Music Magazine - Gründer, Erfinder, Herausgeber, Medieninhaber, Chefredakteur, Design, Logo-Creator. Sonst noch: Gitarrist, Composer, Arranger, Producer, Bandleader.