MANU DELAGO – „Silver Kobalt“ (CD-Review)

Manu Delago ist ein österreichischer Hang-Spieler, Perkussionist, Drummer, Pianist… kurz: Multiinstrumentalist und Komponist. Der in London lebende Musiker wurde vor allem durch sein Hang-Solo „Mono Desire“ bekannt, welches online millionenfach angeklickt wurde und auf youTube unter die „Top30 der bestbewerteten Musikvideos“ gewählt wurde. Das neue Album des ursprünglichen Innsbruckers heisst „Silver Kobalt“ und ist erneut eine Expedition in den Delago-Musik-Kosmos. Schon das erste Stück „Disgustingly Beautiful“ ist schon mal ein Ohrenschmaus! Der gefühlvoll balladeske Song ist in seiner Instrumentierung schon eine Klasse für sich, aber speziell die Leadvocals einer gewissen Isa Kurz sind der Hammer! Diese Sängerin fügt sich nicht nur sehr gut in diesen atmosphärischen Song ein, sondern weiss an den richtigen Stellen noch das Tüpfelchen aufs „i“ zu setzen. „Plus Minus“ ist dann ein Instrumental-Stück mit allerlei tönendem Percussionzeux. Irgendwie klingt das nach den frühen Gong, dann wieder nach Pink Floyd, aber immer neu durchstrukturiert und niemals auch nur im Ansatz langweilig. Delago weiß, wie er seine Hörer fesseln muss und das zieht er auch gekonnt durch. Gegen Ende des Songs meint man zwar, dass das ein Stück Filmmusik für eine Dokumentation über den Amazonas ist, aber egal, es kommt gut! Anil Sebastian übernimmt dann die Leadvocals beim Song „Drumheart“. Der Song hat einen lässigen Groove und die Hang tönt diesmal leicht asiatisch und alles irgendwie sehr dicht und fliessend, – nur die Sängerin kann dieser Isa Kurz niemals das Wasser reichen, weshalb sich hier die Frage stellt, warum diesen Song nicht auch die Frau Kurz gesungen hat?

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Es geht weiter mit „Down To The Summit“ und hier erfindet Delago mit Psychedelic-Prog-Jazz gleich eine nigelnagelneue Musikrichtung! Nach 2 Minuten ändert der Kapitän den Kurs Richtung Worldmusic, dann in der Mitte ein Schlagzeugsolo und Elektronic-Gebrumme und allgemeines Klang-Chaos, ehe wieder diese wunderschöne Hookline einsetzt. Insgesamt eine mutige Komposition, bei der der Herr Komponist und Performer seinen Hörern einiges abverlangt! Aber es ist nicht uninteressant und auf alle Fälle schwerstens avantgardistisch und experimentell. „Wandering Around“ kommt dann asiatisch-orientalisch-experimentös aus dem Geboxe und würde sich hervorragend eigenen, um bei einer türkischen Hochzeit um 4 Uhr in der Früh die Gäste aus dem Saal rauszuspielen… „Simon Is Psychling (sic)“ beginnt mal mit einer Fahrradglocke und das ist ja mal was ganz Neues! Dann ein musikalisches Gebräu aus Trommelwirbeln und Piano, dazu gesellt sich dann ein Chor und dann noch ein Bassoon. Dann wirds im Offbeat jazzig, dazu ein Reverse-Chor und sonstige elektronische Spielereien, irgendwelche psychedelisch angehauchte Flächen, dazu Piano, Percussion-Klimbim, Synthies… halleluja! Ein Klangexperiment nach dem anderen! Aber es hat was, Manu Delago erschafft hier seine Version vom geordneten Chaos. Eignet sich allerdings nicht zum Autofahren, denn ob der Geräusche und dem Geklingle meint man, dass entweder irgendwas kaputt ist, oder man einen Radfahrer überfahren hat… Den nächsten Titel „Sun In The North“ singt glücklicherweise wieder Isa Kurz! Musikalisch geht es wieder in die Märchen-Softrock-Ecke und das beherrscht er ja vorzüglich. Vielleicht mag man das auch chillige Electronica nennen… scheissegal, es ist ein Hammer-Song mit jeder Menge Gefühl und einer Stimmung, die zum Träumen anregt. Frau Kurz sing einmal mehr voller Hingabe und macht ihre Sache wirklich sehr gut!

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Und dann „Chemical Reaction“, – mit über 7 Minuten der längste Song des Albums, der etwas langatmig beginnt, ehe nach einer Minute Vorspiel Rahel Debebe-Dessalegne zu singen beginnt. Und die singt auch gut. Die ist richtig bekannt und hat eine neue Band namens Hejira, sagt Google. Jedenfalls bereichert sie diesen Song ungemein, der in der Mitte den Beat etwas anzieht, dazu übt jemand auf dem Synthie, was jedoch den Drummer glücklicherweise nicht aus dem Takt bringt. Eine Minute vor Schluss, singt sie noch zu tollen Layers und weil’s so schön ist, doppelt sie ihre Stimme gleich drei-, viermal… Mit dem Song „Dearest“ werden wieder sanftere Töne und die Hang angeschlagen. Es singt Katie Noonan, die sich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, so wie Kate Bush zu klingen, was aber nur im Ansatz gelingt. Google meint, dass die Australierin auch schon ziemlich was geleistet hat. Hier trägt sie allenfalls dazu bei, dass sich in der vorletzten Nummer noch Fadesse breit macht. Und das muss man über sechseinhalb Minuten erst einmal aushalten! Und dann kommt mit „Almost Thirty“ der letzte Song und der beginnt schon mal stark mit feinen Hang-Klängen und erinnert irgendwie an Mike Oldfield und das ist als Kompliment gemeint! Nach zwei Minuten hat es sich „ausge-oldfield-ed“, brachiale Synthies ermorden die superschönen Hang-Melodien, die aber dann und wann wieder durchbrechen. Arrangementtechnisch eine Niederlage und rhythmisch eine Anbiederung an David Guetta. Das hätte ein genialer Musiker wie Manu Delago eigentlich ja gar nicht nötig. Zum Ausklang versöhnen noch eine Ziehharmonika und eine Okarina. Ende gut, alles gut…

Pfuh, dieses Album verlangt dem geneigten Hörer einiges ab. Es überwiegen die schönen Momente und grundsätzlich wäre Experimentelles dieser Art ja Ende der 70er/Anfang der 80er auch so richtig „hip“ gewesen… Irgendwie sind die meisten Nummern total gut durchkomponiert und sensationell arrangiert, dafür hören sich die wenigen Songs, die nicht so ganz gelungen sind, wie Schnellschüsse an, damit das Album fertig wird oder so… Hier hätte er ruhig noch ein, zwei Monate Zeit investieren sollen. Er kann’s ja. Das hat er ja schon oft genug bewiesen. Unterm Strich aber schon ein hoch interessantes Album mit einigen echten Highlights und einigen Eigentoren…

Rating: 6 von 10 Punkten!

CD-Review by TOM PROLL

Weblinks: Offizielle Homepage, facebook

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